• Jens

THE GOOD, THE BAD AND THE UGLY – LIGA ZWO

Eine extrem subjektive Bestandsaufnahme zum Unterhaus



Im Sommer 2018 mussten wir Bekanntschaft mit einem großen Fragezeichen machen:


Die 2. Bundesliga war nun unser neues Zuhause, gefürchtet als Vorhof zur Hölle der Bedeutungslosigkeit, der Hort kleiner Stadien, Auswärtsfans im 10er-Pack aus Städten, die man nur bei ‚Finden sie Minden‘ schonmal verortet hat, und Fußball im Geiste der Förster-Brüder.


Ich stand damals etwas verloren davor, meine Fußballsozialisation als Erfolgsfan der 70er und 80er Jahre hatte mich nur sehr selten in ein Stadion der ‚Unterklasse‘ verschlagen, ich hatte auch keinen Zweitverein, dem ich dort die Daumen gedrückt hätte. Die Saisons waren in schöner Regelmäßigkeit seicht an mir vorbeigeplätschert und die Clubs nahm ich jeweils nur in Form der Aufsteiger in die 1. Bundesliga wahr. Ich war auch borniert genug, mich in den Jahren zuvor nicht damit zu befassen, in denen wir zwar nachdrücklich, aber letztlich erfolglos dort angeklopft hatten.


Meine Sicht in der Sommerpause blieb getrübt, der Blick aufs Kicker-Saisonheft führte mich zu einigen Vereinen und Kadern, die mir so fremd waren wie Elektronikschaltpläne. Ich sollte schnell lernen ...


Und nein, dies ist kein weinerlicher Aufschrei, warum wir hier unsere Mitgliedschaft nochmals um ein Jahr verlängert haben – das ‚Wie‘, wie es im Verlauf dazu kam, lässt einen auch im dritten Anlauf eher etwas fassungslos zurück und soll hier nicht analysiert werden, es geht ausschließlich um die Einordnung der Liga aus der extrem subjektiven Perspektive eines Fußballbekloppten.

The Good

Es ist Fußball auf Augenhöhe.


Reiner, meist bodenständiger Fußball, der natürlich auch erfolgsorientiert ist, und dessen finanzielle Dimensionen weiterhin jenseits all dessen sind, was Kurven-Klaus sich als Kontobewegung vorstellen mag.


Und doch: Der Bling-Bling-Faktor kommt deutlich subtiler daher als ‚oben‘. Die taktischen Ausrichtungen unterscheiden sich zwar nicht grundlegend; einen gepflegten Doppelpass, kluge Raumaufteilung und geschickte Zweikämpfe(r) findet man in beiden Ligen, aber es fehlen die Typen, von denen du weißt, dass es gegen die vielleicht für 70 Minuten gut geht, in seltenen Fällen auch mal über 90 Minuten. Aber im Grunde bist du dir dessen vollkommen bewusst, dass dein Team die Lewandowskis, Müllers oder Haalands nicht aufhalten wird. Sie werden irgendwann einen deiner Fehler bestrafen, und du hast nicht die leiseste Ahnung, wie sich das zukünftig jemals ändern sollte angesichts der x Trillionen, die der Gegner unter der Woche in der Champions League einspielen wird.

In Liga 2 heißt der Unterschiedsspieler dann Hofmann oder Kleindienst oder Terodde. Verdammt gute Fußballer, aber es fehlt halt die Klasse an Spielern, die eine geradezu magische Demarkationslinie zwischen denen bilden, die – hinter Bayern – Vizemeister werden können, und denen, die sich einfach in dieser Liga halten wollen (hinter den Konzernkostenstellen Leipzig, Wolfsburg und Leverkusen).

Ganz ehrlich: Ich finde das im Sinne von Wettbewerb schon recht prickelnd, auch wenn mir viele daraufhin vielleicht den Vorwurf machen könnten, dass dies ein perfektes Beispiel für den ja so oft bemühten ‚fehlenden Leistungsgedanken‘ in Hamburg sein mag. Anyways…


The Bad

Die Konkurrenz. Ja, im Ernst!


Let’s face it, in Liga 1 wurden wir ab 2012/13 der 2010er weitgehend als dankbarer Punktelieferant und Skandalnudel wahrgenommen. Insbesondere auswärts, das zudem versüßt mit so vielen mitgebrachten Fans, wie die Schatzmeister ansonsten für Hoffenheim, Wolfsburg, Augsburg und Mainz in Summe kalkulieren müssen. Wir waren ganz wesentlich für den Folkloreteil zuständig, da haben wir auch prima geliefert. Da konnte man schon mal seinen Topstar zwecks Belastungssteuerung von der Bank kommen lassen, ohne gleich Punktverluste auf dem Weg nach Madrid oder London fürchten zu müssen.


Und plötzlich ist alles ganz anders. Der HSV wurde nicht mehr als Scheinriese wahrgenommen und behandelt, sondern tatsächlich stellte die Raute eine Etage tiefer DEN Gegner dar, den es zu schlagen galt. Für die Tabelle, aber auch für Selbstvertrauen und fürs Renomée. Da wird jeder Ball mit doppeltem Engagement umkämpft, kein Weg ist zu kurz, keine Situation zu aussichtslos, um nicht doch nochmals 123% an Leistung rauszukitzeln und dem alten Schlachtroß mit dem markanten Logo in die Parade zu fahren. Eher ungewohnt für die Rothosen, eine komplett andere Rolle einzunehmen, und wir taten uns auch im dritten Jahr oft unverändert schwer damit. Ich schrieb eingangs, dass diese Bestandsaufnahme extrem subjektiv sei, und das schiebe ich auch der These vorweg, dass mir beim Blick auf Kicks der direkten Konkurrenz oftmals diese Portion Extramut fehlt.

Ein Spiel gegen die Spitzenklubs aus Fürth, Kiel oder Heidenheim reiht sich für die Würzburgs und Sandhausens der Liga eher in den kruden Alltag ein und scheint nur selten kryptonische Zusatzkräfte freizusetzen, mit denen dann in der 93. Minute noch ein Tor des Jahres aus 38m erzielt wird. All das macht den Marsch durch die Instanzen nicht einfacher, soll aber auch nicht als beleidigte Kritik an den Gegnern verstanden werden. Der Mensch tut sich schwer damit, zu jedem Zeitpunkt sein Bestes abzurufen, das gilt für Fußballprofis ähnlich wie für einen Sachbearbeiter Debitoren oder einen Schnack-Schreibsler.


The Ugly

Die Anstoßzeiten.


Es mag überstrapaziert sein, aber es bleibt ein Kreuz. Vorab: Auch wenn’s weit weg erscheint, möchte ich hier den pandemiefreien Alltag betrachten. Es dürfte keinen Spielplaner in der DFL geben, der mal versucht hat, im allseits beliebten Hamburger Freitagsverkehr einen Anpfiff um 18:30h auch nur halbwegs stressfrei zu erreichen. An den Sonnabends- und Sonntagsterminen setzen erste Schweißperlen nach getanem Markteinkauf und ausgiebigem Frühstück gegen 11:00h ein, wenn man seine Siebensachen zusammenpackt, um neben dem eigentlichen Spiel womöglich auch noch 30 Minuten vor Anpfiff ein bisschen angenehmes Socialising zu betreiben – vom 12:00h-Konflikt ‘Bier vs Kaffee’ ganz zu schweigen.


Gegen Drei, Halb-vier stehst du im angebrochenen Tag, den dein Partner versucht, mit einem netten Treffen (mit Menschen, denen Fußball und seine Kraftanstrengung auch für den Fan auf der Tribüne vollkommen fremd ist), einem Spaziergang oder gar einem Einkaufsbummel weiter zu beplanen. Neeee, bitte nicht. Über den unsäglichen Montag dürfen wir ja nun den Mantel des Schweigens legen – der ehrliche Dank geht hier an den nimmermüden Einsatz der verschiedenen Faninitiativen, die diesem üblen Streckverband der Spieltagsplanung sicherlich geholfen haben, ein Ende zu setzen.



Trikots.

Es mag nicht fair sein, aber es drängt sich dem Schreiber der Eindruck auf, dass die Trikotagenproduzenten in Teilen eher die Ausbildungs- oder Praktikantenabteilung für die Produktentwicklung der 2. Liga abstellen. Das mag auch verständlich sein, wenn man weiß, dass sich nach der Vorstellung der neuen Ausweichlaibchen der SgVgg Greuther Fürth mit Sponsor ‘Ingrid’ die Absatzzahlen eher im Liebhaberbereich bewegen dürften. No pun intended, wirklich nicht.





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