• Carsten

RASSISMUS IM FUSSBALL

Immer wenn man gedacht hatte, die Sache sei ausgestanden, kam der nächste Vorfall


Die Imitation von Affenlauten beim DFB-Pokalspiel zwischen Schalke und Hertha gegen den Berliner Jordan Torunarigha oder gegen den Spieler der Würzburger Kickers Leroy Kwadwo in Münster waren nur zwei der unrühmlichen Episoden des letzten Jahres in deutschen Stadion.


Gerade aktuell beschäftigen uns Nachrichten ehemaliger Nationalspieler, die Kollegen als „Quotenschwarzen“ bezeichnen, andere wiederum benutzen in der Spielanalyse Begriffe wie „bis zur Vergasung“.


Auch wenn diese beiden Vorfälle von den jeweiligen Beteiligten schnell und sauber geklärt worden sind, hat sich insbesondere in den sozialen Medien eine Diskussion aufgebaut, die den leider immer noch gegenwärtigen Alltagsrassismus zeigt. Zitate wie: „Das hat er doch nicht so gemeint“, „Das kann man unter Freunden doch mal sagen“ „Er hat sich doch entschuldigt“ waren nur die harmlosesten dieser Kommentare.


Wie aber können Verbände, Vereine, wir als Fans, Ultras, Besucher eines Fußballspiels im Stadion, in der Kneipe oder beim Public Viewing etwas tun, dass diese Vorfälle möglichst gar nicht mehr vorkommen?


Unterhält man sich mit Fachleuten, die mit deutschen Fans arbeiten, hört man: In den letzten 30 Jahren ist die Bundesliga ein gutes Stück vorangekommen im Kampf für Integration und gegen Rassismus.


Die Vereine und Verbände versuchen durch Aktionen an einzelnen Spieltagen immer wieder auf das Problem hinzuweisen, allerdings müssen wir uns auch immer wieder bewusst machen, dass der Kampf gegen Rassismus und Diskriminierung, für eine Kultur der Anerkennung und Demokratie nicht zu einem Event verkommen darf, dass es kein einmaliger Akt, sondern ein kontinuierlicher Prozess, eine dauerhafte Aufgabe ist.


Für den Kampf gegen Diskriminierung und Rassismus bedarf es der Entschlossenheit und Zivilcourage von uns Allen: Wir sind nicht nur für das verantwortlich, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun!

Ein gutes Beispiel für Entschlossenheit und Zivilcourage war die die Reaktion des Münsteraner Stadions, als ein Zuschauer rassistische Verleumdungen gegen den oben schon genannten ghanaischen Fußballspieler Leroy Kwadwo rief. Hier reagierten andere Fans auf korrekte Art. Sie alarmierten den Sicherheitsdienst, der den Mann hinaus begleitete. Als dann die gegnerischen Spieler Kwadwo umarmten, stand das gesamte Stadion und rief: "Nazis raus!"


Der von Amazon prime und dem ZDF produzierte sehr sehenswerte Film „Schwarze Adler“ zeigt die Entwicklung des Rassismus im deutschen Fußball mit Beispielen von Erwin Kostedde über Jimmy Hartwig bis zu Gerald Asamoah ungeschönt auf.


Ein erschreckendes Beispiel ist die Übergabe der Medaille für das Tor des Monats an Beverly Ranger durch Ernst Huberty am 20. Juli 1975. Hier begrüßt er die Jamaikanerin, indem er aus dem schon 1958 geschriebenen Lied zitiert, an dem sich niemand stört: "Schön und kaffeebraun sind alle Frauen aus Kingston Town." Ranger sei "der lebende Beweis", fährt Huberty fort und überreicht der Fußballerin die Medaille. Ranger lächelt verlegen.

Copyright: ZDF/BROADVIEW Pictures


Später sagt sie: "Das hat mich wirklich umgehauen. Was sollte das? Was wollen sie damit bezwecken? Das war unnötig", sagt sie zu der Begrüßung, "ich war da, um über das Tor und den Frauenfußball zu sprechen. Alles andere war unnötig."


Probleme nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Platz


Aber das Problem des Rassismus findet nicht nur auf den Rängen, sondern auch auf dem Platz statt: Der italienische Spieler Paolo di Canio rechtfertigte das Zeigen des so genannten römischen Grußes (mit ausgestrecktem rechtem Arm) damit, dass er „ein Faschist, aber kein Rassist“ sei.


In der Champions League Partie zwischen PSG und Basaksehir führte eine Aussage des vierten Offiziellen zum Abbruch der Partie.


Um Webo (Assistenztrainer von Basaksehir) auf der Bank zu identifizieren, erklärt der vierte Offizielle in seiner Landessprache mehrfach laut hörbar "ăla negru" - "dieser Schwarze". Die Bezeichnung an sich ist in der rumänischen Sprache nicht rassistisch belegt, Webo ist dennoch außer sich und wiederholt mehrmals einen ähnlich klingenden Begriff, der wiederum als rassistische Beleidigung geläufig ist.


Das Schiedsrichtergespann gibt sich daraufhin alle Mühe, um das aus ihrer Sicht vorliegende Missverständnis aufzuklären. Doch auch nachdem die Gäste über die Bedeutung des Wortes aufgeklärt wurden, beruhigt sich die Situation nicht. Der ehemalige Hoffenheimer Demba Ba, der inzwischen für Basaksehir spielt, konfrontiert den Schiedsrichter. "Sie würden nie 'dieser weiße Mann' sagen, warum sagen Sie dann 'dieser schwarze Mann'?" Die Diskussion verlagert sich. Das Anti-Rassismus-Netzwerk nennt den Spielabbruch und die Solidarität der Pariser mit den Gästen ein "Zeichen in Europa".

Der rumänische Sportjournalist Emanuel Rosu erklärt auf Twitter: "Ich habe hunderte Nachrichten deswegen bekommen. Der Schiedsrichter nutzt das Wort 'negru', was buchstäblich die Farbe Schwarz beschreibt. Im rumänischen Sprachgebrauch wird es nicht als rassistischer Begriff genutzt, um People of Colour zu beschreiben", erklärt er und fügt die wichtige Anmerkung hinzu: "Das entschuldigt aber das Verhalten von Coltescu in diesem Kontext nicht". Der Vorsitzende des rumänischen Anti-Rassismus-Rats sagt Rosu gegenüber: "Das ist Rassismus, ohne jegliche Möglichkeit einer anderen Interpretation. Er hätte Webo auch anhand anderer Kriterien beschreiben können."


Hier besteht eine klare Aufgabe der Verbände und Funktionäre sich noch mehr offen gegen Rassismus zu platzieren und auch ihr Personal zu schulen und aufzuklären.

Dieses haben der DFB und der FC Schalke 04 beim Beispiel Tönnies nicht geschafft, als die unabhängige Ethikkommission zwar bescheinigte, dass die Aussage von Tönnies: „Dann würden die (in Afrika) aufhören, Bäume zu fällen, und sie hören auf, wenn’s dunkel ist, Kinder zu produzieren.“ als rassistisch einzustufen ist, allerdings wurde dieser Satz am Ende nur missbilligt und es gab keine weiteren Konsequenzen für Tönnies.

Der Ehrenrat seines Vereins, des FC Schalke 04, geht sogar noch weiter und sagt, dass es kein Rassismus sei, sondern zwar gegen das im Schalker Leitbild verankerte Diskriminierungsverbot verstoße, aber keine weiteren Konsequenzen von Seiten des Vereins nach sich ziehen würd


Tönnies bedauerte dies sehr und wählte selbst als „Strafe“ eine dreimonatige Pause von seinen Ämtern.

Diese Vorgehensweise konterkariert alle Bemühungen gegen Rassismus im Fußball vorzugehen, da es zeigt, dass Äußerungen wie von Tönnies ja nicht so schlimm seien.

Wenig hilfreich sind neben den oft offen rassistischen Äußerungen der AfD auch Kommentare von per se nicht rassistischen Politikern wie Boris Palmer (noch) von den Grünen, der eine angebliche Sprachzensur durch die sozialen Netzwerke wie Twitter und Facebook beklagt. „Cancel culture macht uns zu hörigen Sprechautomaten, mit jedem Wort am Abgrund. Ich will nicht in einem solchen Sprachjakobinat leben“, so der Grünen-Politiker.


Er schrieb: „Lehmann weg. Aogo weg. Ist die Welt jetzt besser? Eine private Nachricht und eine unbedachte Formulierung, schon verschwinden zwei Sportler von der Bildfläche.“

In weiteren Kommentaren provozierte er weiter mit angeblichen Zitaten von Aogo, der angeblich „Frauen seinen N****schwanz angeboten haben soll“. Palmer schreibt das Wort selbstverständlich aus.

Dass es auch anders geht zeigt der Umgang vieler Vereine mit der „Causa Jatta“, hier wird eine durch einen Verlag initiierte Hetzjagd auf einen Spieler gemacht, der als Flüchtling nach Deutschland kam.

Während einige wenige Vereine versuchten aus der eventuell nicht korrekten Spielerlaubnis Profit zu ziehen, stellten sich der Großteil der Vereine hinter den Menschen Bakery Jatta.

Auch der HSV als Verein und auch seine Fans stehen klar hinter ihm und zeigen, dass es hier um den Menschen geht und nicht um (bislang immer widerlegte) Vermutungen von Journalisten und Staatsanwaltschaften.

Um eine weitere Verbesserung bis hin zum kompletten Verschwinden von Rassismus in und um die Stadien zu erreichen, hilft es nur, wenn wir alle jeden Tag uns an die eigene Nase fassen, Menschen, die in Alltagsrassismus abgleiten darauf hinweisen dies nicht zu.




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