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Ito's Brusthaar im Zeichen des VARnsinns

Erinnert ihr euch noch an die ersten strittigen Situationen rund um die Einführung des Video Assistant Referee (kurz: VAR)?

Persönlich erlebte ich den ersten großen Aufreger in der Premierensaison des VAR 2017/18, die auch als Abstiegssaison des ruhmreichen HSV in die Geschichte einging. Die Szene, die meinen Schädel in

einen unbändigen Wutkopf verwandelte, ereignete sich im richtungsweisenden Saisonendspurt gegen die Eintracht aus Frankfurt. Beim Stand von 0:0 gab es für den HSV eine Kontersituation, die der bis dahin torlose Shooting-Star Tatsuya Ito erfolgreich zum 0:1 abschließen konnte.


Denkste Puppe, Nudelsuppe … der Treffer wurde vom VAR, in Person von Günter Perl, kassiert und der HSV verlor dieses immens wichtige Spiel … und stieg dann am darauffolgenden Spieltag trotz eines Sieges gegen die Fohlen ab. Inwieweit diese VAR-gestützte Entscheidung richtig oder falsch war, konnte durch die gezeigten Videosequenzen nicht abschließend geklärt werden. Die altehrwürdige Entscheidungshilfe „Im Zweifel für den Angreifer!“ wurde kurzerhand über Bord geworfen und so kam ein Teilnehmer in den sozialen Netzwerken auf die Interpretation, dass wohl Ito's Brusthaar den Ausschlag für die knifflige Entscheidung gegeben haben müsse. Markus Merk hingegen, feierte die Entscheidung als Beleg einer erfolgreichen Einführung dieser Schiedsrichterunterstützung: „Für den Video-Assistenten ist das ein Bewerbungsvideo des Jahres!“. Diese Einschätzung hatte er allerdings exklusiv, da dem ganzen Entscheidungsvorgang Willkür und blinder Aktionsmus anhing.


Kurzum … seither vergeht kein Wochenende, an dem diese DFL-Institution für Recht und Gerechtigkeit im Schiedsrichterwesen hanebüchene Fehlentscheidungen zu verantworten hat. Unabhängig von der HSV-Brille finden diese abenteuerlichen Entscheidungen kreuz und quer durch die Duelle der ersten und zwoten Liga statt.

Natürlich ist der Versuch, Schiedsrichterentscheidungen durch mehr Objektivität des VAR abzusichern, löblich und (wahrscheinlich auch) zeitgemäß, zumal die technischen Möglichkeiten von hochauflösenden Videos und schnellen Kommunikationsmitteln gegeben sind. Und natürlich können in Summe viele Fehlentscheidungen durch VAR-Unterstützung vermieden werden, aber trotzdem wirkt die Credibility der Schiedsrichtergilde angezählt. Dies hängt vor allem mit der geweckten Erwartungshaltung zusammen, dass nahezu 100% der Schiedsrichterentscheidungen fehlerfrei und für den Zuschauer nachvollziehbar sein werden.

Trotz der technischen Hilfsmittel ist es aber letztlich doch die menschliche Leistung, die oft genug in die Bewertung einfließt. Immer wieder gibt es Präzedenzfälle (Wieviel Körperkontakt ist erlaubt?), Situationen mit enormem Interpretationsspielraum (Ist der Körperkontakt verantwortlich für den missglückten Abschluss?) oder schwer zu deutende Bewegungsabläufe (Ist die Bewegung unnatürlich?). Und überhaupt, was ist eigentlich eine klare Fehlentscheidung? In welchem Fall meldet er sich zu Wort und wann bleibt er stumm?

Sicherlich ist der Fußball durch den VAR etwas gerechter geworden. Aber die Einführung hat auch ihren Preis, denn die Fehlertoleranz auf Seiten des Publikums ist deutlich geschrumpft, so dass die Aufreger am Ende des Spieltags bleiben.

Darüber hinaus gibt es ja noch den Kollateralschaden, dass sich bei einigen geschossenen Toren der Jubel in einen emotionalen coitus interruptus verkehrt, da es vor der offiziellen De-/Legitimierung zu einer zeitaufwendigen Überprüfung durch den VAR kommt. Und das nervt richtig!


Und so stellt sich nun die Frage: Ist der VAR erwünscht oder überflüssig? Wollen wir back to the roots und dem Schiedsrichtergespann auf dem Feld mit all dem menschlichen Makel und der Fehlbarkeit die Entscheidungshoheit überlassen? Oder sollen wir darauf hoffen, dass der VAR zukünftig durch eine Verbesserung der Methodik und die Schärfung der angewandten Tools die erhoffte Gerechtigkeit herbeiführt?



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