• Jens

HAMBURGER SPORT-VEREIN – FORTUNA DÜSSELDORF 1:1 (1:0)

About last night…und die anderen 9+1 Spiele zuvor


38.954 Zuschauer…2G wirkt, und ja, das hat Spaß und Lust auf mehr gemacht.



Ein Wort vorab aber zu Bechern und Respekt: Ein Becherwurf an sich ist ja nun schon keine intellektuell fordernde Handlung. Sie erschließt sich dem peinlich berührten Betrachter aber noch weniger, wenn ein Spieler wie Khaled Narey ein derartiges ‚Willkommen‘ erhält, nachdem er im Abschluss zu drei Jahren den HSV vollkommen klaglos und stillschweigend mit einer Vertragsauflösung verließ. Aber die Kollegen aus der Schlagballwurfabteilung haben dafür sicherlich eine extrem einleuchtende Erklärung.


Am Ende des Spiels stand die erneute schiedlich-friedliche Punkteteilung mit dem Gegner. Ebenso erneut war der HSV nicht in der Lage, ein Team in Unterzahl im Zaum zu halten, ja sogar eine Führung nicht zu verteidigen. Die lobenswerte Rastlosigkeit, dreifach zu punkten, wich in der zweiten Hälfte einer wachsenden Ratlosigkeit, den dezimierten Gegner mit schnellem Passspiel und Raumöffnungen unter Druck zu setzen. Vielmehr befreiten sich die Fortunen zunehmend frech und waren in ihren Kontersituationen tendenziell gefährlicher als die rotbehoste half-court offense. Einen Weltuntergang stellt diese Punkteteilung ebenso wenig dar, wie einen Anlass zu selbstzufriedenem Schulterklopfen.


Und so entsponn sich im Anschluss an den Kick die ewigjunge Diskussion um unseren Status…


Eine Mini-Bestandsaufnahme in Loslösung von Punkteausbeute, Tabellensituation und möglichen Saisonzielen fällt auch in einer kleinen Blase von SCHNACKERN ohne einheitliche Bewertung aus. Ein gemeinsamer Nenner über den Stand der Dinge scheint noch schwieriger zu erreichen, als eine abgestimmte Stellungnahme der Parteivorsitzenden von CDU und CSU.

Rückschritt, Stillstand, Weiterentwicklung…?

Die Spielanlage

Der Optimist in uns freut sich über eine Strecke von 7 Spielen ohne Niederlage. Der Pessimist zählt allerdings auch nur 3 Siege in 10 Spielen.


Das Team verinnerlicht offenbar die komplexen Anforderungen des Walter-Balls, die nervliche Belastung des geneigten Zuschauers weicht bei den - zwecks Raumgewinn ja auch bewusst herbeigeführten - Stressmomenten im Spielaufbau einer Art von Gewissheit, dass die DHFs, Schonlaus, Davids & Co. schon sehr gut wissen, was sie dort tun. Das wilde Hin-und-Her im Positionsspiel, das auch einen IV wie Schonlau mal auf den linken Flügel spült oder Gyamerah ins linke Halbfeld dribbeln lässt, wirkt attraktiv, die Anzahl an individuellen Fehlern nimmt (gefühlt) ab.


Statistisch ist der HSV ohnehin eine Ligabesonderheit mit den höchsten Ballbesitzanteilen und meisten Pässen bei exzellenter Passquote und einer Laufleistung, die rd. 3,5 km über dem Ligadurchschnitt liegt. Das Aufbauspiel trägt den Ball recht zügig ins Angriffsdrittel. Und hier wird dem passfreudigen Ensemble dann oft der Zahn gezogen. Der Ball wandert – deutlich tiefer in des Gegners Hälfte als noch in Vorjahren – mehr-oder-weniger drucklos durch die Reihen, das Spiel auf die Grundlinie funktioniert zwar oft (142 Flanken – ein Topwert der Liga), aber ebenso oft segeln oder flutschen diese dann vergleichsweise ergebnislos durch die gegnerische Box. Das Spiel wirkt berechenbar und vergleichsweise druckarm; weder Kittel, noch Reis oder Kinsombi können genügend oft die offensive Statik aufbrechen und für Überraschungsmomente sorgen.



Entwicklung einzelner Spieler

Jungs wie David, Suhonen, Reis, Doyle, Alidou oder Vuskovic erhalten Vertrauen in Form von Einsatzzeit. Schritt-für-Schritt werden sie ans Team herangeführt, Fehler werden verziehen und als Teil des Lernens betrachtet – auch bei weiten Teilen des Anhangs. Gut so.

Insbesondere Jonas David und DHF haben gegenüber der Vorsaison einen mächtigen Schritt nach vorne gemacht – die Vorstellung von Walter-Taktik mit den Ballfertigkeiten eines Sven Ulreich lassen einen kurz erschaudern. Moritz Heyer hätte wohl kaum ein bwin-Zocker bei 5 Scorern in 9 Spielen gesehen. Robert Glatzel unterstreicht mit jedem Spiel mehr seine exzellenten Fähigkeiten der Ballverwertung; mit 6 unserer 16 Ligatore in 10 Spielen steuert er auch quantifizierbar eine Quote bei, die den immer wieder durch den Volkspark wabernden Wunsch nach einem ‚Knipser‘ eher fraglich erscheinen lassen. Meffert und Schonlau spielen ziemlich exakt die humorlosen, stabilen Parts, für die man sie im Sommer holte.


Und so muss man sich bei der Kritik insbesondere im Kreis der Etablierten umsehen, um zu überlegen, warum diese positiven Entwicklungen sich (noch?) nicht so recht in Zählbares umsetzen lassen. Kinsombi ließ öfter als in den zwei Vorjahren aufblitzen, warum ihn so viele Betrachter – Autor eingeschlossen - damals als Königstransfer sahen. Aber halt nur ‚öfter‘, nicht ‚oft‘. Weiter geht’s mit den AVs: Gyamerah war schon zu Saisonbeginn nicht unumstritten, die erneute Verletzung Vagnomans macht ihn jedoch vergleichsweise konkurrenzlos – so nimmt sich über manche Strecken auch sein Spiel aus, das ebenso wie Leibolds auf der linken Seite wenig Konstanz und manche 'Oooops' im Stellungsspiel zeigt. Leibold spürt zumindest den Atem von Muheim, dessen Einsätze noch keine Offenbarungen sind, aber doch optimistisch stimmen. Manu Wintzheimer – hier mag man streiten, ob man ihn mit 22 Jahren nach zwei Jahren nah am Stamm der zweiten Liga nun noch ein ‚jungen Wilden‘ oder schon als ‚Etablierten‘ sehen will. Auch scheiden sich die Geister über seine Position: Mittelstürmer, Halbstürmer, oder doch eher Außen, wo er in der Realität aufgrund der Formstärke Glatzels oft aufläuft? Wie-dem-auch-sei, einer vielversprechenden Vorbereitung folgte eine bisher eher unglückliche Saison, die gestern nur zum Leistungsnachweis ‚ohne Einsatz im Kader‘ reichte. Kittel wurde von vielen Analysten als Gewinner des Hunt-Abgangs gesehen, der nun den Marschallstab in die Hand bekommen hat. Das klappt mal besser, mal schlechter bei diesem so talentierten Kicker, auch wenn die Statistik von 5 Scorern durchaus passabel wirkt. Mittlerweile 93 Zweitligaspiele lassen Bakery Jatta sicherlich nicht mehr als ‚Talent‘ bezeichnen. Auch bei ihm stehen lichte Momente deutliche Schattenzeiten entgegen, insbesondere, wenn das Wörtchen ‚Effizienz‘ zur Diskussion gestellt wird. Ein Tor und zwei Vorlagen sind ganz sicher nicht das, was man sich von seinem dedizierten RM/ RA oder gar zweiten Stürmer in 10 Spielen erwartet, und so teilte er gestern bis kurz vor Abpfiff nachvollziehbar Wintzheimers Schicksal.


Was ist in zwölf Monaten passiert, außer der Installation eines neuen Trainers mit einem eigenwilligen System und einem weiteren Strategiewechsel in der Kaderplanung?


Vom Punktestand der Vorsaison – getragen von einem bis dahin überragenden T-Rod – trennen uns ganze zwei Punkte. Zwei Punkte, die in der Summe aus +/- Matchglück, abgegebener individueller Klasse, fehlender Erfahrung und individueller Fehler nun ganz sicher keine Umwälzung darstellen. Interessanter und aussagekräftiger allerdings die Entstehung der heutigen 15 Punkte im Vergleich zu den 17 der Vorsaison: Holte man im Vorjahr noch 5 Siege, 2 Unentschieden, kassierte aber auch bereits 3 Nackenschläge, so stehen unseren eher dünnen 3 Siegen nun 6 Unentschieden zur Seite …bei nur einer Niederlage. Man mag mit dieser Statistik, aber auch anhand der spät gesicherten Punkte gegen Nürnberg, Sandhausen und Aue argumentieren, dass offenbar die Resilienz des neu gewürfelten Kaders trotz fehlender Säulenspieler einen ganzen Tick erhöht wurde. Einstellung und Wille sind kaum zu kritisieren, ebenso wenig die Bereitschaft und Fähigkeit, Neues umzusetzen.


Der Autor war ‚not amused‘ und eher grantelig gestern Abend, und doch:

Sind zwei schwächere Spiele am Stück denn wirklich schon eine Art von Tendenz? ‚Form‘ und ‚Kreativität‘ kann man schwer einfordern oder auf Knopfdruck herstellen, so dass die Frage nach „Rückschritt, Stillstand, Weiterentwicklung“ wohl auch noch einige weitere Spieltage lang innig diskutiert bleiben dürfte…


Your thoughts?


Nur der HSV!




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