• lennifreiesleben

Die drei ??? und der Aufstiegsfluch!

Schuldkultur vs Verantwortungskultur

Nachdem wir uns im letzten Beitrag mit den grundlegenden Aspekten des modernen Sportmentaltrainings beschäftigt haben, kommt jetzt ein erfahrener Praktiker zu Wort. Wir haben Ortwin Meiss als Interviewpartner gewinnen können.


Herr Meiss gilt nicht nur als Experte auf dem Gebiet der Hypnotherapie, er leitet zudem das renommierte Milton-Erikson-Institut in Hamburg, praktiziert als Psychotherapeut, Dozent, Supervisor und betreut Leistungssportler, sowie komplette Mannschaften.


Er hatte unter anderem Engagements beim HSV und St. Pauli und arbeitete mit Spielern weiterer Bundesligisten. Flensburg-Handewitt betreute er über zwei Jahre, in denen sie die Deutsche Meisterschaft im Handball gewinnen konnten. Über Jahre hinweg begleitete Ortwin Meiss etliche Deutsche Meister, Weltrekordhalter und Olympiasieger verschiedener Sportarten.

Ein Sportler, der die mentale Vorbereitung mit Ortwin Meiss genutzt hat, ist kein geringerer als die Boxlegende „Dr. Steelhammer“ Vladimir Klitschko, der über elf Jahre (2004 bis 2015) als Schwergewichtsweltmeister ungeschlagen bleiben konnte.


Herr Meiss verfügt über einen unerschöpflichen Fundus an Erfahrungen und Erlebnissen. Er besticht als Erzähler und Unterhalter. Unser Interview mit Ortwin Meiss füllte knappe drei Stunden und war sehr, sehr kurzweilig. Zu unserem Bedauern können wir an dieser Stelle all die Anekdoten nicht veröffentlichen. Für die SCHNACK-Redaktion waren diesmal Frank Hüttmann und Lenhart Freiesleben unterwegs.

SCHNACK: Herr Meiss, sind Sie Fußballfan? Was halten sie vom HSV?


OM: Ich mag das Spiel und schaue es mir gerne an. Den HSV verfolge ich, soweit es mir möglich ist. Ich leide aber nicht, wenn die nicht so erfolgreich sind. Für die Stadt wäre es natürlich gut, wenn der HSV wieder an alte Erfolge anknüpfen könnte.

SCHNACK: Wann haben Sie mit dem HSV zusammengearbeitet?


OM: Das war die Zeit unter Doll, Stevens und Jol. Das waren sehr unterschiedliche und interessante Trainertypen.

SCHNACK: Das waren ja eher noch gute Zeiten! Wie haben Sie die letzten zehn Jahre wahrgenommen?


OM: Herrje, es wurden viele Fehler gemacht. Von der Kaderzusammenstellung über die Unternehmenskultur bis hin zur sportlichen Performance. Da waren zudem einige Leute am Werk, bei denen man manchmal das Gefühl hatte, dass die Eigeninteressen über denen des Vereins standen. Und es wurden ambitionierte Ziele formuliert, die das gesamte System unter Druck gesetzt haben, was dann zu Minderleistungen geführt hat. Da wurde von Championsleague gesprochen, und ich dachte mir nur, haltet doch mal den Ball flach. Ehrlich gesagt, bin ich aber inzwischen zu weit weg, um das Geschehen seriös beurteilen zu können.

SCHNACK: Die Ziele haben also Erwartungsdruck erzeugt, dem die Mannschaft nicht Stand halten konnte?! Das ist vielleicht heute noch so. Können Sie das Problem weiter erläutern?


OM: Hohe Erwartungen können dich erdrücken … dieses sogenannte „Desease to please“! Wie mache ich es den anderen recht? Wie tief ist der Fall, wenn ich es nicht schaffe? Und wo bleibe ich dann? Es geht nicht nur um die Erwartungen, die man an sich selbst hat, sondern auch um die Erwartungen, die das nahe Umfeld und die Fans an dich haben. Der Beifall verführt, es ist schön zu hören, dass man großartig gespielt hat, aber wenn die Begeisterung dann wegfällt nach schlechteren Leistungen, ist der Fall tief. Du musst Dich also davon unabhängig machen, damit das Außen nicht Deine Gefühlswelt und damit Deine Leistungsfähigkeit bestimmt.

Erwartungen können jeden Sportler und jedes Team unter Druck bringen. Es gilt also einen Umgang damit zu finden. Kommen Misserfolge, kommen die Zweifel und der Frust. Der Sportler verspannt sich, es kommt zu Verletzungen oder Aggressionen, die sich ihren Weg bahnen.

Nicht vielen Sportlern gelingt es, Erwartungsdruck in sportliche Leistungen umzumünzen. Boris Becker ist da ein Paradebeispiel für einen solchen Spielertypen, der besser wurde, je enger das Match war.

SCHNACK: Erwartungen, in Form von Wünschen oder Hoffnungen, sind doch aber immer vorhanden? Erwartungen werden von der Vereinsführung kommuniziert, von den Medien befeuert und von den Fans erträumt! Dem kann der Spieler doch gar nicht ausweichen.


OM: Das ist richtig. Und egal wie hoch du kommst, selbst wenn du Weltmeister bist, die Erwartungen, beziehungsweise das Bestreben diesen gerecht zu werden, können einen enormen Druck ausüben. Das Einzige was hilft, ist, dich davon unabhängig zu machen, was andere von dir denken und wie sich dich beurteilen. Das ist eine der Aufgaben, die der Sportmentaltrainer zu leisten hat. Wie das funktioniert?

Du kannst dir bewusst machen, dass da draußen lediglich Reize auf dich einwirken. Du selbst gibst den Reizen ihre Bedeutungen. Demzufolge kannst Du auch die Kontrolle über die Bedeutung bekommen, die Du ihnen gibst. Dein Verhalten ist also nicht zwangsläufig nur eine impulsive Reaktion auf die Umgebungsreize.

Ein schönes Beispiel ist der Umgang mit Provokationen. Provokationen sind ein Angriffsversuch auf unser Selbstwertgefühl. Die meisten Menschen springen schnell darauf an. Die gute Nachricht ist: Coolness kann man trainieren. Es gibt da ein schönes Video von Vladimir Klitschko und Shannon Briggs. Briggs hat ihn immer wieder gestalked und provoziert… aber schaut selbst ...



https://www.youtube.com/watch?v=sRspsGcV2Sg



Man kann sich selbst die Instruktion geben: Je mehr ich provoziert werde, desto cooler werde ich. Das ist effektive Emotionsregulation. Viele Sportler geraten durch mentale Fouls aus dem Gleichgewicht. Ich bringe ihnen bei, wie man die mentalen Fouls erkennt und effektiv kontert, so dass jedes mentale Foul dazu führt, dass man noch besser wird. In diesem Video hier ist nicht ganz klar, wer foult und wer kontert. Klar ist aber, wer den Kampf verloren hat …

https://www.youtube.com/watch?v=jZyyObCBd9g


SCHNACK: Beeindruckend und lustig zugleich. Aber kommen wir nochmal auf die Erwartungen zurück. Können Erwartungen nicht auch motivierend sein?


OM: Grundsätzlich schon. Aber Motivation kann man besser auf einem viel eleganteren Weg herstellen. Ich arbeite mit den Spielern daran, dass sie sich erinnern, warum sie angefangen haben Fußball zu spielen, denn die ursprünglichen Motive sind die eigentlichen Antriebsfedern unseres Tuns. Häufig sind das die große Freude und der Spaß am Spiel.

SCHNACK: Welche mentalen Einflussfaktoren haben darüber hinaus Relevanz?


OM: Viele verschiedene, zum Beispiel sollte ein Spieler wissen, wie er seine Kompetenzen und Ressourcen aktiviert. Wie komme ich dahin meine beste Leistung abzurufen? Was kann ich tun, um locker und gleichzeitig voll konzentriert zu spielen? Und es ist wichtig, nicht die Kontrolle nach Außen abzugeben, nach dem Motto »weil die Zuschauer gepfiffen haben, habe ich nichts mehr hinbekommen«. Übernimm die Verantwortung für das was passiert! Nur dann kannst du daraus lernen und es beim nächsten Mal besser machen!

SCHNACK: Wie können Spieler damit umgehen, wenn das eigene Publikum pfeift und höhnisch applaudiert? Dies ist unlängst im Volkspark geschehen!


OM: Auch hier kannst du eine Widerstandsfähigkeit entwickeln, aber es ist notwendig es vorher einzutrainieren. Der Tennisspieler Djokovic hat in einem Interview erzählt, wie er in einem Wimbledon-Match gegen Roger Federer die Unterstützungsrufe „Roger, Roger...!“ als Zustimmung für sich umgedeutet hat. So etwas kann man nur durch mentales Training erreichen und stellt vielleicht die Königsdisziplin dar. Djokovic ist ein Spieler, der dann, wenn die Zuschauer gegen ihn sind, erst recht seine beste Leistung bringt.

https://www.youtube.com/watch?v=AziIXcmE9Xg

Insgesamt ein sehr interessantes Interview! Die angesprochene Szene startet ab 7:40min.

SCHNACK: Zuschauer nehmen aber grundsätzlich schon Einfluss auf das Spielgeschehen!


OM: Auf jeden Fall spielt das Publikum eine wichtige Rolle und jeder Spitzensportler muss lernen damit umzugehen. Die Zuschauer selbst sind auch ein lustiges Völkchen. Ich vergleiche da gerne den HSV mit St. Pauli. Beim HSV haben die Zuschauer manchmal ein Verhältnis zur Mannschaft wie ein Vater zum Sohn, der ihn anfeuert: „Komm Junge, Du schaffst das, wenn du dich nur genug anstrengst! Nun mach mal und reiß dich mal zusammen!“ Wenn es dann nicht läuft und die Mannschaft immer noch schlecht spielt, wenden sie sich ab und singen: „Wir sind Hamburger und ihr nicht!“

Bei St. Pauli haben die Zuschauer zur Mannschaft ein Verhältnis wie die Mutter zum Sohn: „Sehr gut, Junge! Du kannst es schaffen, gib nicht auf...!“ und wenn es trotzdem nicht reicht, wenden sie sich zur Mannschaft und singen: „You'll never walk alone“.

SCHNACK: Es gibt auf jeden Fall einen kulturellen Unterschied zwischen St. Pauli und dem HSV! Was fällt Ihnen noch ein?


OM: Na ja, die Auflaufhymnen sind auch so eine Sache. Es ist immer auch eine Identitätsfrage. Wenn du eine energiegeladene Hymne wie „HellsBells“ im Stadion abspielst, entsteht bei allen Spielern und Zuschauern eine hohe Aktionsbereitschaft. Das ist Adrenalin pur. Spielst du aber einen Wiegeschritt-Song wie „Hamburg, meine Perle“, so schafft das zwar auch einen Beziehungsmoment, aber der Spannungsbogen fällt insgesamt ab.

SCHNACK: Das ist nachvollziehbar. Aber muss nicht ohnehin jeder Spieler selbst eine Match-Einstellung finden?


OM: Be prepared! Sei bereit! Ja, die Regulation wird letztlich durch den Spieler selbst vorgenommen. Allerdings gibt es auch schöne Beispiele, wie sich eine komplette Mannschaft in Wettkampfstimmung bringen kann. Ihr kennt sicherlich The All Blacks „Haka“. Die zelebrieren ein pre-match-ritual, das regelrecht tranceartig und archaisch abläuft. Die Mannschaft sammelt sich und kommt in die notwendige Wachheit, Power und Fokussierung. Und der Gegner muss sich das auch noch anschauen.



https://www.youtube.com/watch?v=yiKFYTFJ_kw



SCHNACK: Eine absolut intensive und überzeugende Performance, wohl wahr. In dieser Form aber kaum anwendbar im Fußball.


OM: Nein, nicht wirklich! Aber das Gemeinschaftserleben einer Mannschaft ist nicht hoch genug einzuschätzen. Geschlossenheit ist ein Erfolgsfaktor. Als ich von Flensburg-Handewitt angefragt wurde, nannte ich eine unverhandelbare Bedingung: zu Beginn unserer Zusammenarbeit, müssen sämtliche Teammitglieder am Start sein! Teammitglieder sind auch der Vorstand, das Trainingsteam, die Physios, die medizinische Abteilung. Mir war wichtig, dass alle begreifen, dass der Erfolg sich nur einstellt, solange alle in eine gemeinsame Richtung ziehen.

Das ist ein Bewusstseinsprozess: Ich bin wichtig für das Team. Egal, ob ich auf der Bank sitze oder den Mannschaftsbus fahre. Das heißt auf der anderen Seite, wenn jemand aus dem Verein despektierlich handelt, schadet das dem ganzen Projekt.

Jeder Spieler sollte sich Gedanken machen über den anderen. Was braucht der Mitspieler, um besser zu werden? Und ich frage auch die Mannschaft: Was braucht der Trainer? Jeder soll für den anderen einstehen, das ist wesentlich für eine gute Mannschaftsleistung. Beim HSV waren eher zu viele ICH's unterwegs, das funktioniert nicht.

SCHNACK: In einem HSV-Podcast wurde berichtet, dass beim Spiel gegen Darmstadt junge Spieler des HSV, die es nicht im Kader standen, während des Spiels in ihren Handys sich die Autos irgendwelcher Fußballstars angeguckt hätten. Ist das so ein Beispiel für fehlende Geschlossenheit?


OM: Oh ja, das meine ich. Wo übernehmen die Verantwortung für die gute Leistung der Mitspieler? Was sind das für Signale, die da an die Mannschaftskollegen und den Trainer ausgesendet werden? Jeder muss sich in den Dienst der Mannschaft stellen und Verantwortung übernehmen. Gerade dann, wenn verloren wird. Wenn sie gewinnen, gibt es nichts Einfacheres als zusammen zu feiern. Aber dann, wenn es nicht läuft, zusammen zu stehen, das gibt Stärke. Egoismen wirken spalterisch, denn wenn es nicht funktioniert, wird schnell ein Schuldiger gesucht. Im schlimmsten Fall hast du eine Schuldkultur im Verein, was pures Gift ist. Da wird dann die Verantwortung auf die anderen geschoben und alle neigen dazu sich zu verstecken. Anstatt einer Schuldkultur braucht ein Verein eine Verantwortungskultur!

SCHNACK: In den letzten Jahren wurden durch die Zuschauer gerne einzelne Spieler herausgepickt und mit den schlechten Leistungen der Mannschaft in Verbindung gebracht: Sakai, Jung, Narey und aktuell ist es Kinsombie. Das sind die Ergebnisse der Schuldkultur?


OM: Einen Schuldigen zu suchen ist ein menschliches Verhaltensmuster. Dieses Muster zu durchbrechen ist absolut notwendig, wenn eine Mannschaft funktionieren soll. Um dies zu erreichen, arbeite ich zu Beginn immer mit den Führungsspielern. Die müssen verinnerlichen, dass es nichts bringt, immer nach einem Schuldigen zu suchen sondern Verantwortung zu übernehmen. Die sollen vorangehen und vorbildhaft sein, da sich alle anderen daran orientieren.

SCHNACK: Und dann gibt es diese Schwächephasen in der Saison. Kommen die Führungsspieler dabei nicht auch an ihre Grenzen?


OM: Natürlich hängt es nicht nur von den Führungsspielern ab. Alle sind gefragt. Und ein Trainer zeigt seine Klasse, wenn es mal nicht gut läuft. Der Trainer muss wissen, was der einzelne Spieler braucht, damit er zurück seine Kompetenzen kommt. Der eine Spieler braucht einen Arschtritt, der andere braucht Streicheleinheiten. Das ist sehr individuell und der Trainer ist als Psychologe gefragt. Schlechte Spiele können passieren. Aber du musst vorbereitet sein, um mit Niederlagen und Rückschlägen umgehen zu können. Vorbereitet sein heißt, dass ein Plan bereit liegt, um wieder in die Spur zu kommen.

SCHNACK: Wie sieht denn die psychologische Einflussnahme des Trainers aus?


OM: Es geht immer nur über die Grundeinstellung, die positiv und nicht ängstlich sein soll. Der Spieler sollte sich seiner Kompetenzen und Ressourcen bewusst sein. Niederlagen sind dazu da, daraus zu lernen. Wenn man daraus gelernt hat, kann man sie abhaken. Dann sollte es zügig wieder in ein lösungs-und zielorientiertes Denken und Handeln kommen. Die Gefahr ist, dass Spieler und Trainer sonst in der Fehleranalyse festhängen und in eine Problemtrance kommen.

Man kann mental trainieren, negative Erfahrungen in positive Energie, in Willen und Einsatzbereitschaft umzuwandeln. Dem Spieler diese Fähigkeiten zu vermitteln, fällt auch in den Aufgabenbereich des Sportmentaltrainers.

SCHNACK: Beim HSV ist das Fehlen von Kontinuität auf allen Ebenen inzwischen ein prägnantes Erkennungsmerkmal. Wie wichtig ist denn Kontinuität?


OM: Kontinuität ist ein wichtiger Erfolgsfaktor, weil sich nur so eine positiv wirkende Kultur entwickeln kann. Ohne Kontinuität wird sich ein System nicht beruhigen und festigen können, es bleibt immer schwammig und konturlos. Auf nichts ist Verlass. Woran sollen sich Spieler und Trainer da orientieren. Ein System, wie ein Verein, braucht Klarheit und Verbindlichkeit, sonst entwickelt sich nichts, was identitätsstiftend ist. Eine Unternehmenskultur braucht Respekt, Beziehung, Verantwortungsübernahme, gegenseitige Unterstützung, klare Kommunikation und Kontinuität. Und diese Parameter sollen sich im besten Fall wie ein roter Faden von der Führungsetage bis zum Greenkeeper wiederfinden.

SCHNACK: Herr Meiss, vielen Dank für das anregende Gespräch.

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